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Lesetagebuch "Vorleser" GK13
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Uta


Lesetagebuch "Vorleser" GK13, 21 Mar. 2007 19:00


Lesetagebuch
„Der Vorleser“ von Bernhard Schlink

Uta Corinna Stange
13. Jahrgang, Deutsch-Kurs Vierhaus

Inhaltsverzeichnis

Pflichtaufgaben
Während der Lektüre
Nach der Lektüre:
1. Biografie Schlinks und Parallelen zum Buch
2. Chronologie der Ereignisse
3. Aufbau, Erzählsituation, Perspektive
4. Charakterisierung Michaels
5. Standbild
6. Mindert Hannas Analphabetismus ihre Schuld?
7. Vergleich von Hannas Verhalten mit den Aufzeichnungen Höß’
8. Gründe für Hannas Freitod
Wahlaufgaben
C. Emilia Galotti von Gotthold Ephraim Lessing



Pflichtaufgaben
Während der Lektüre
Die Aufgabe, eine besonders schöne Lesesituation zu beschreiben, finde ich besonders schwierig. Nicht nur, dass ich das Buch nun schon zweimal gelesen habe, es gibt auch kaum Stellen, die mir besonders gefallen haben. Eigentlich kamen mir nur die Szenen in den Sinn, die mich aufgeregt oder enttäuscht haben oder die ich einfach krank fand. Doch nach längerem Nachdenken fiel mir eine bestimmte Textpassage wieder ein.
So sitze ich also, wenn ich lese, in meinem Zimmer; tagsüber wie abends in meinem Bett oder auf meinem etwas zerfallenden Rattan-Schaukelstuhl. Um mich besser konzentrieren zu können, wähle ich letzteren, habe die Beine im Schneidersitz gefaltet, lasse die Ellenbogen fallen, stütze die Unterarme auf die Oberschenkel, das Buch in meinen Händen haltend, und versuche mich nicht zu sehr nach vorne zu beugen. Hinter mir leuchten die Lampe in meiner Vitrine voller Engel und die eine grüne Lavalampe. Über mir ist die Deckenlampe eingeschaltet. Durch zwei Fenster fällt zusätzlich noch Tageslicht ins Zimmer. Genau vor mir auf meinem Schreibtisch sehe ich auf dem Monitor, wer online in meiner Buddy-List erscheint und wer wieder geht. Mein PC spielt aber auch Musik, ziemlich durcheinander. Manche Titel muss ich einfach vorspulen („skippen“), weil sie deutschen Text haben, ich mitsingen würde oder sie einfach zu aufwühlend („heavy“) sind. Übrigens liegt auch mein Handy empfangsbereit auf dem Fensterbrett, ich warte geradezu auf Ablenkung, doch meine Zimmertür ist fest geschlossen.
So sitze ich also mit gekreuzten Beinen in der Mitte meines Zimmers im Schaukelstuhl, voll „erleuchtet“ und beschallt, und lese den „Vorleser“ zum erneuten Male. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber auch die Geschichte wiederholt sich für mich.
Ich weiß, was mich erwartet, erinnere mich an alte Gefühle und Gedanken in Bezug auf Michael und Hanna und Schlink und bin erstaunt, dass ich auch noch neue entdecke.
Zunächst ist dort die Beziehung zwischen Hanna und Michael, die ich in meinem Kopf immer wieder mit „Das ist doch krank!“ kommentiere. Die Beschreibung der Erregung und des Liebemachens zwischen den beiden ist für mich irgendwie eklig, und doch irgendwie – interessant - . Ich frage mich, wie verklemmt muss Michael sein, wie lange musst das ganze her sein und wie viel schämt er sich dafür, dass er es in so widerliche und abtörnende Worte fasst!? War es denn doch nichts Schönes und Gutes, wie er es immer betont? Warum erzählt er es, wenn er es gar nicht will? Andererseits kommt bei mir auch die Frage auf: Soll ich mich davon überhaupt abgetörnt fühlen? Oder macht vielleicht grade diese Erzählweise die Erregung aus, diese ganz bestimmte Art, die sich dann auf den Leser überträgt? Ich glaube ja, denn offensichtlich weigere ich mich mit meinem übertriebenen Ekel genau dagegen.
Hiernach wendet sich aber meine Aufmerksamkeit vom Handlungsstrang ab und richtet sich auf einzelne Aspekte wie: Jugend beeinflusst das ganze Leben. Bisher dachte ich, die Familie und die Kindheit seien viel wichtiger, aber offensichtlich ist es auch die erste sexuelle Beziehung. Michael ist ja schon fast traumatisiert von seiner Begegnung (falsches Wort- es war ja wahrlich nicht nur eine) mit Hanna. Er kommt sein Leben lang nicht los von ihr und von dem, was sie ihm bedeutet und in ihm auslöst/ausgelöst hat. Alle späteren Beziehungen werden mit dem Ideal Hanna verglichen, obwohl er sie gar nicht als ideal beschreibt. Dass sie es in Wirklichkeit auch nicht war, er sie aber als solche einmal wahrgenommen hat, löst in Michael einen tiefen inneren Konflikt aus. Dieser artet geradezu in eine Phobie vor dem Leben aus, Beispiel hierfür sind seine panikartigen Gedanken auf Seite 151, zweiter Absatz unten. Es ist schon traurig, wie eine so kurze Beziehung das ganze Liebesleben und die Beziehungsfähigkeit beeinflussen bzw. zerstören kann. Ich glaube, so etwas kann nur Jungen passieren. Mädchen werden zu viel mehr Vorsicht erzogen, was das Vergeben ihrer Gefühle angeht.
Das Interessante am Buch sind für mich solche psychologischen Überlegungen. Für mich rücken die NS-Aufarbeitung, der eigentliche Prozess mit Urteil und Hannas Empfinden und Handeln in den Hintergrund. (Ob das gut ist oder schlecht, will ich gar nicht bewerten) Vor allem Michaels Entwicklung und seine psychologische Situation haben es mir angetan: seine unnötigen Schuldgefühle; seine Glücksgefühle in merkwürdigen und eher schlechten Situationen; seine Art seine Gefühle offen, ehrlich und exakt beschreiben zu können (z.B. S. 85 unten), weil sie in der Vergangenheit liegen und obwohl er durch seine Erziehung nicht viel Kontakt zu Gefühlen hatte (siehe Vater); die Veränderung seiner Erinnerung durch das Erleben, Erzählen und Nachdenken, oft vermischen sich seine Beobachtungen von früher und später zu einem Komplex (S. 14/163; II, 15: KZ-Besuch).
Ganz erstaunlich war im Umgang mit diesem Buch, dass mich Michaels Besuch im KZ mit allen seinen Beschreibungen und Gedanken mehr beeindruckt, informiert und zum Denken gebracht hat, als mein eigener Besuch in Neuengamme mit dem Geschichtskurs (zeitlich nach der ersten Lektüre des Buches). Ich hatte dort das Gefühl, schon einmal in einem KZ gewesen zu sein und alles schon durchdacht und erfahren zu haben. Was sollte ich dort noch einmal?
Während ich über „Den Vorleser“ mehr und mehr nachdenke, entwickelt sich in meiner Vorstellung ein bestimmtes Kapitel zu meinem Lieblingskapitel (II, 12) und auch als ich es wieder lese, enttäuscht es mich nicht. Es wird darin die Frage gestellt, ob man sich in ein fremdes Leben einmischen darf oder lieber nicht. Michael fragt dazu seinen Vater, den Psychologieprofessor, um Rat und dieser enthüllt sehr interessante Gedanken: "Wenn man weiß, was für den anderen gut ist und daß er die Augen davor verschließt, muß man versuchen, ihm die Augen zu öffnen. Man muß ihm das letzte Wort lassen, aber man muß mit ihm reden, mit ihm, nicht hinter seinem Rücken mit jemand anderem." Ich habe viel darüber nachgedacht und es gefiel mir gut, da ich einerseits selber gerne Menschen helfen will, dadurch aber andererseits keine Verantwortung übernehmen möchte. Nicht nur dieser Inhalt macht die Textstelle zu meiner liebsten. Das ganze Kapitel ist von einer rührenden, herzzereissenden Atmosphäre erfüllt. Der alte, unfähige Vater, der Denker, der sich eigentlich immer überlegen gefühlt hat, bereut sein Verhalten und sieht Michael vielleicht zum ersten Mal als seinen Sohn. Doch Michael hat sich schon so weit von ihm und vom Leben entfernt, dass es ihn der gebrechliche Mann und sein Schicksal nicht mehr berühren. Vielleicht ahnt der Vater schon seit längerer Zeit, dass mit Michael etwas schief läuft, er aber trotz seines Dr.-Titels nicht eingreifen kann, und gibt es auf, sich dagegen abzuschotten. Im Prinzip macht dieser Mann hier den Schritt zurück ins Leben, der Michael bis ans Ende des Buches fehlt.
Nachdem mich doch die Euphorie überfallen hat, muss ich aber auch von meiner ungeliebtesten Lesesituation berichten. Auf der Seite 192 wird eine ganz wichtige und den Leser schockierende Information schon in den ersten zwei Sätzen vorgeschossen, ohne dass man sie mit Hilfe begleitender Sätze hätte verarbeiten können. „Am nächsten Morgen war Hanna tot. Sie hatte sich bei Tagesanbruch erhängt.“ Dies geschieht im ganzen Buch. Immer wieder tauchen kurze Sätze auf, die die Information von zwei Seiten später enthalten. Bei mir löst dieses Verhalten des Autors Ärger aus. Ein Spannungsbogen wird dadurch komplett zunichte gemacht oder, wenn er sich denn aufgebaut hatte, brutal abgebrochen. Ich bin beim Lesen enttäuscht, dass sich der Autor so wenig Mühe gibt, einfühlend zu sein. Aber es reicht ihm nicht nur, die Fakten zu erzählen, auch das für mich interessante „Wie“ nimmt er vorweg, sodass ich keine Chance bekomme, selbst zu spekulieren oder mitzudenken.
Dieses Buch kann ich nur lesen, ich kann mit ihm nicht mitfiebern.

Nach der Lektüre:
1. Biografie Schlinks und Parallelen zum Buch
Bernhard Schlink wird im Jahr 1944 in Bielefeld geboren und verbringt seine Kindheit und Jugend in Heidelberg und Mannheim. Danach beginnt er ein Studium der Rechtswissenschaften in Heidelberg, führt dies in Berlin fort und schließt 1975 mit dem juristischen Doktortitel ab. Nach seiner Habilitation 1981 wird Schlink Professor an der Berliner Humboldt-Universität und Verfassungsrichter in Nordrhein-Westfalen. Im Laufe der Jahre erscheinen von ihm juristische Fach- und Lehrbücher und im Alter von 43 Jahren sein erster Roman „Selbs Justiz“. Ein Jahr darauf wird sein zweiter Roman („Die Gordische Schleife“) herausgegeben und er bekommt dafür den Autorenpreis deutschsprachiger Kriminalliteratur. Im Jahr 1991 wird Schinks erster Roman unter dem Titel „Der Tod kam als Freund“ verfilmt. Ein Jahr später erscheint „Selbs Betrug“ (Roman), für den er mit 49 Jahren den Deutschen Krimi-Preis erhält. Im Jahr 1995 erscheint dann „Der Vorleser“, der noch im gleichen Jahr mit dem „Stern des Jahres“ der „Abendzeitung“ (München) ausgezeichnet wird. 1997 erhält Schlink zusätzlich den Grinzane-Cavour-Preis, den Fallada-Preis der Stadt Neumünster sowie den Prix Laure Bataillon für den gleichen Roman. Im Jahr 1997 erscheint die englische Ausgabe des „Vorlesers“ in den USA und ist ein Jahr später auf Platz eins der Bestsellerlisten. Daraufhin verkauft Schlink die Filmrechte an Hollywood. Er erhält den Literaturpreis der „Welt“ (Hamburg). „Der Vorleser“ wird in 26 Sprachen übersetzt. Ab 2000 lebt Schlink in Bonn und Berlin, es erscheinen die Erzählungen „Liebesfluchten“ und ihm wird der evangelische Buchpreis verliehen.

Bernhard Schlink hat sich wie Michael in seinem Roman während seiner juristischen Ausbildung viel mit der NS-Vergangenheit Deutschlands und Europas auseinandergesetzt. Beide sind Juristen und fangen erst spät im Leben an, selbst zu schreiben; zunächst gibt es juristische Schriften und letztendlich einen ganzen Roman. Außerdem sind Michael Berg und sein Autor Schlink sozusagen Zeitgenossen, denn sie sind fast im gleichen Jahr geboren. Der Anfang der Geschichte von Michael und Hanna spielt in Schlinks alter Heimatstadt Heidelberg, aus der sich Michael aber schnell entfernt. Schlink hat wohl auch so wie Michael die 68er Revolution und die Entwicklung in Deutschland mitbekommen. Es ist denkbar, dass sich angesichts dieser Parallelen auch weitere Geschehnisse aus Schlinks Leben im Roman wieder finden – auch sein Liebesleben?

2. Chronologie der Ereignisse

(1) www.christoph-schmidt.de/vorleser
Ich finde diese Grafik sehr passend, um die Ereignisse im „Vorleser“ aufzuzeigen. Sie ist detailliert und übersichtlich. Mir gefällt, dass Hannas und Michaels Leben verschiedene Farben haben und ihre Begegnungen ebenso farbig hervorgehoben sind.


3. Aufbau, Erzählsituation, Perspektive
Der Roman „Der Vorleser“ besitzt drei Teile zu zweimal 17 und einmal 12 Kapiteln. Diese sind recht kurz und in sich abgeschlossen. Jedes hat ein eigenes Thema, das meist schon im ersten Satz angesprochen wird und am jeweiligen Ende wiederholt wird. Der Roman wird als eine einzige Erinnerung chronologisch erzählt, jedoch gibt es immer wieder Rückblicke und Vorausdeutungen. Der erste Teil enthält eine Einführung und die Beziehung des 15-jährigen Michael Bergs mit der 36-jährigen Hanna Schmitz. Im zweiten Teil wird der Prozess des Jahres 1965 über die KZ-Aufseherinnen aus Auschwitz beschrieben, welches mit Hannas Verurteilung endet. Der dritte Teil beschreibt die folgenden 18 Jahre Michaels Lebens, Hannas Tod und letztendlich eine Verarbeitung Michaels inneren Konfliktes. Auch wenn man an diesen Eckpunkten der Geschichte eine Spannungskurve festmachen könnte, gibt es keinen richtigen Spannungsbogen, der sich über das ganze Buch zieht. Dafür wird eine viel zu große Zeitspanne erzählt. Viel mehr hat jeder Teil in sich eine kleine Spannungskurve, doch es gibt dafür zu viele kleine Erzählungen, Gedanken und Vermischungen von Früherem und Späterem.

Die Erzählfigur Michael Berg fängt im Alter von annähernd 50 Jahren an, seine Geschichte aufzuschreiben, die für ihn schon sehr lange her ist. Er hat sie schon oft durchdacht und dabei haben sich nach seinen Angaben verschiedene Wahrheiten entwickelt, denn seine Erinnerungen waren „immer wieder ein bisschen anders“ (siehe S. 205). Zunächst wollte Michael seine Geschichte aufschreiben um die Vergangenheit loszuwerden, danach um sie nicht zu vergessen. Letztendlich ließ er sie ruhen und sie kam zurück (siehe S. 206). Nun schreibt er die Geschichte, um alles zu verarbeiten. Er schreibt sie als der Michael, der das Ende schon kennt und alles weiß, aber alle alten Gefühle noch einmal durchlebt.

Der Roman wird von einem Ich-Erzähler erzählt, der sich erinnert. Trotzdem werden dem Leser immer nur die Informationen gegeben, die Michael selbst zu dem Zeitpunkt auch hatte. Es tritt häufig eine Vermischung von Erinnerungen ein, aber die Handlung schreitet weiterhin so vorwärts, wie er sie erlebt hat. Dadurch kann man sich gut mit dem Protagonisten identifizieren und mitfühlen und wird in den Roman hineingezogen. Es ist eine sehr persönliche Geschichte und kein trockener Bericht. Dennoch wird alles Geschehende aus großer Distanz kommentiert. So ist der Erzähler ein auktorialer, der aber auch häufig in den personalen wechselt, wenn die Handlung allzu augenblicklich zu geschehen scheint.
Das Verhältnis zwischen dem Erinnerten und dem sich Erinnernden stellt sich sehr schön in dieser Grafik dar.
(2) www.teachsam.de



4. Charakterisierung Michaels
Sophie:
Michael Berg… er war immer so geheimnisvoll für mich, und interessant. Ich weiß noch, dass er vier Geschwister hatte und sein Vater ein geschätzter Philosophieprofessor war, doch ich kannte die Familie wenig. Ich lernte Michael kennen, als er in der Obersekunda in meine Klasse kam. Er war sehr gut in der Schule und saß neben mir. Er sah mich oft von der Seite aus an. Ich mochte ihn damals sehr, kam aber nicht so nah an ihn heran, wie ich es gern wollte, obwohl wir nach und nach ein gutes, nahes Verhältnis hatten. Ich spürte, oder meinte zu spüren, dass er sich auch zu mir hingezogen fühlte. Es gab irgendetwas in seinem Leben, das er niemandem erzählte. Er kam immer später als alle anderen und ging früher. Die Coolen kommen immer später. Er trat sehr selbstsicher auf und schien mit sich und der Welt zufrieden zu sein und sich in seinem Körper wohl zu fühlen. Er war nicht so nervig und übertreibend wie die anderen Jungen in seinem Alter. Man konnte sich mit ihm viel besser unterhalten. Und doch ließ er mich nicht an sich ran. Ich erinnere mich an einen Nachmittag im Sommer. Auf dem Rückweg vom Schwimmbad hatte es angefangen zu regnen und wir stellten uns unter. Er nahm mich in den Arm und ich fühlte mich dabei sehr wohl. Ich dachte, jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen, dass wir zueinander finden würden. Doch auch hier erzählte er mir nicht sein Geheimnis. Nach diesem Sommer bekam ich Tuberkulose und so habe ich ihn erst als Student wieder getroffen. Ich hatte mich total gefreut, ich bin nur leider mit ihm im Bett gelandet. Er war so kalt und gefühllos. Ich wusste, er tat es nicht wegen mir sondern wegen der Sache an sich. Ich war verstört. Ich glaube, ich habe sogar geweint. Er war als Jugendlicher so herzlich und aufgeschlossen gewesen. Hatte sich mit allen gut verstanden. Jetzt hatte ihn eine Verzweiflung eingeholt, die ihm das Leben schwer gemacht hat. So haben nur Menschen Sex, die in sich leben und sich nicht um andere kümmern. Ich war so enttäuscht und es machte mir Angst. Michael hatte irgendetwas so stark verändert, dass er nicht mehr der Gleiche war.



Gertrud:
Wer Michael ist? Das habe ich mich auch irgendwann angefangen zu fragen. Ich weiß nicht, ob es ein Geheimnis war, das uns auseinander gebracht oder uns einfach nicht zueinander finden lassen hat, oder ob es einfach nur die fehlende Liebe war. Schon früh hatte ich öfters das Gefühl, von Michael nicht so geliebt zu werden, wie ich es wollte. Wenn er mich im Arm hatte, strahlte er immer etwas Unzufriedenes, Abweisendes aus. Aber hätte ihn nicht gerade die Umarmung glücklich machen sollen? Ich hätte ihm gerne geholfen. Ich hatte nicht die richtigen Kenntnisse dafür und kam auch nicht nah genug an ihn heran. Es war gut, dass wir uns getrennt haben – nur nicht für Julia.


5. Standbild


Die Beziehung zwischen Hanna und Michael hat drei Aspekte:
1. Hanna ist dominant und zeigt dies
2. Michael ist unterlegen oder macht sich dazu, indem er immer wieder zugibt und Schuld auf sich nimmt
3. das sexuelle Ritual scheint das Einzige zu sein, was sie verbindet.
Unser Standbild zeigt den zweiten Aspekt mit ein paar hinzugefügten Details, die auf den Seiten 54-57 auftauchen. Michael macht sich hier wieder klein und fleht um Verzeihung, obwohl alles nur ein Missverständnis ist. Dieses Verhalten wird auf den Seiten 49 und 69 beschrieben und charakterisiert seine Beziehung zu Hanna. Er unterwirft sich ihr immer wieder, damit sie ihm nicht ihre Gunst entzieht. Andererseits sagt Michael auch, dass Hannas offenes Weinen in Kapitel 11 (Teil I) ihr Verhältnis intensiviert. Sie scheint in dieser Szene nicht mehr ganz so kalt zu sein. Trotzdem sollte sie ihn in diesem Bild nicht angucken und nicht in den Arm nehmen, da Michael sich noch nicht fertig entschuldigt hat. Wir wollten aber auch nicht, dass sie einfach kalt wegguckt, denn Hanna hat auch Gefühle. Meiner Meinung nach ist sie nur in diese dominante Rolle hineingewachsen. Aber nach wie vor liegt es an ihr, wie diese Szene ausgeht. Sie hat die Macht, daher steht sie im Vordergrund und ist optisch größer als Michael.


6. Mindert Hannas Analphabetismus ihre Schuld?
Michael erzählt dem vorsitzenden Richter nichts von Hannas Analphabetismus, obwohl auch er davon überzeugt ist, dass dies ihre Schuld mindern könnte. Wenn Hanna lesen und schreiben könnte, wäre der ganze Prozess viel besser für sie gelaufen. Sie hätte die Anklageschrift und das Manuskript des Buches der Jüdin lesen können und im Voraus Einzelheiten berichtigen und erklären können. Jedoch allein die Kenntnis ihrer Unfähigkeit lesen zu können hätte Hanna schon entlastet, da sie die Briefe und Vorladungen nicht lesen und beantworten konnte. Daher bestand bei ihr keine Fluchtgefahr und der Haftbefehl war unnötig.
In den beiden anderen Anklagepunkten könnte sie aber durch ihren Analphabetismus nicht entlastet werden. Sie war tatsächlich Aufseherin im KZ und wusste nach eigenen Angaben, dass sie durch die Selektionen Frauen in den Tod schickte. Außerdem hat sie in der Brandnacht die brennende Kirche nicht aufgeschlossen, obwohl die Schlüssel steckten. Andererseits kann sie den Bericht aus dieser Nacht nicht geschrieben haben und hat somit auch nicht die Führung übernommen, wie eine der Frauen behauptete. Es kann sie nur genau die gleiche Schuld treffen wie die anderen Aufseherinnen. Auch kann man mit dem Wissen um Hannas Analphabetismus verstehen, warum sie sich freiwillig zur SS gemeldet hat. Das tat sie nur, weil sie Angst vor der Beförderung und der Aufdeckung ihrer mangelnden Fähigkeiten hatte, und nicht wegen ihrer politischen Gesinnung, was die Anklage entschärft. Aber die Aufdeckung Hannas Analphabetismus hätte sie auch zur Lügnerin gemacht, da sie vorher ein Geständnis abgelegt hat, was alle ihre Aussagen fragwürdig erscheinen lassen würde.
Alles in allem hätte Michael eine vollständige Entlastung nur im ersten Anklagepunkt erreichen können. Jedoch hätte die Aufdeckung in jedem Fall die Härte ihrer Strafe gemindert und alle Beteiligten mehr Positives über Hanna in ihrem Unterbewusstsein verzeichnen lassen können.


7. Vergleich von Hannas Verhalten mit den Aufzeichnungen Höß’
Rudolf Höß schreibt in seinen „Autobiografischen Aufzeichnungen“ (1946) von seiner Tätigkeit als Kommandant im Konzentrationslager Auschwitz. Er wiederholt sehr oft, dass er einfach alles habe aushalten müssen und sich nicht habe abwenden dürfen. Er sagt, er habe kalt und herzlos sein müssen und habe keine Erregung zeigen dürfen (Z. 4; 25). Dies sei immer sehr anstrengend für ihn gewesen und er habe sich stark zusammenreißen müssen (Z. 1). Trotzdem habe er oft Mitleid gehabt und werde nie vergessen, wie schrecklich alles gewesen sei.
Auch Hanna ist im Prozess sehr diszipliniert. Sie hält immer den Blick nach vorn und zeigt keine fahrlässigen Bewegungen (S. 95). Zu Anfang des Prozesses steht sie sogar jedes Mal auf, wenn sie etwas sagt. Sie ist angespannt und wirkt wie gefroren (S. 96). Auf Seite 157 wird ihr Blick als hochmütig, verletzt, verloren und unendlich müde beschrieben. Hanna betreibt auch dieses sture Aushalten der Situation, wie es von Höß beschrieben wird, aber es erschöpft sie sehr.
Auch erzählt Höß, dass dieses Verhalten ihm nicht befohlen worden sei, sondern er es sich selbst entwickelt gehabt habe und gewusst habe, dass es so verlangt gewesen sei. Er habe es „für den Führer“ getan.
Auch bei Hanna scheint es so zu sein, als hätte sie es sich selber befohlen, hohe Disziplin an den Tag zu legen, denn auch sie hat das Gefühl, dass es verlangt ist.
Außerdem habe Rudolf Höß zu keiner Zeit über seine Gefühle reden können (seine „inneren Nöte kundtun“ Z. 59) und auch Hanna vertraut sich ihrem Anwalt nicht an. Höß habe zunehmend unter psychischem und emotionalem Druck gestanden, er habe keine anderen Gedanken mehr gehabt, als das Geschehen im KZ (Z. 82). Er habe nicht mehr abschalten können, sei immer im Dienst gewesen (Z. 141).
Sehr ähnlich ist es bei Hanna, die sich aufgrund ihrer Haft am Wochenende nicht einmal körperlich vom Prozess entfernen kann. Sie hat keine Familie mit der sie reden kann, unterhält sich auch mit sonst niemandem in den Pausen des Prozesses und steht auch nicht auf.
Alles in allem denke ich, leitet Höß und Hanna die gleiche Disziplin, die man sich wohl im KZ aneignet und die das ganze Leben formt. Trotzdem üben beide diese aus verschiedenen Gründen aus. Hanna benutzt sie, um ihre Gefühle zu unterdrücken, und Höß auch, um seinen Untergebenen Stärke zu demonstrieren.


8. Gründe für Hannas Freitod
Bei der Überlegung, warum Hanna den Freitod wählt, stellt sich die Frage: Will sie überhaupt aus dem Gefängnis heraus? Wenn sie das Gnadengesuch stellt, weil sie wirklich wieder in Freiheit leben will, ist ihr Selbstmord eine Kurzschlussreaktion, nachdem sie Michael wieder gesehen hat und er sehr abweisend zu ihr war. Sie muss so schockiert gewesen sein und gemerkt haben, was für eine Belastung sie für Michael darstellen wird, dass sie nicht mehr entlassen werden wollte.
Wenn sie aber nie wirklich in die Freiheit entlassen werden wollte, hat ihr Tod andere Gründe. Ihr Leben war vor ihrem Gefängnisaufenthalt sehr hart durch die Einschränkungen, die ihr Analphabetismus mit sich brachte. In ihrer Haft hat sie dann ein neues Leben angefangen. Es wäre sehr anstrengend jetzt wieder eines zu starten, auch wenn sie in der Zwischenzeit viel dazugelernt hat. Aber es wäre auch sehr schwierig, weil sie ihre Schuld noch nicht verarbeitet hat. Sie meint ja selbst, dass ihre Taten auf Erden nicht vergolten werden und dass nur die Toten sie anklagen können. Meiner Meinung nach kann sie sich im richtigen Leben nicht genügend bestrafen also bringt sie sich um. Damit hat sie dann die größte Buße getan.


Wahlaufgaben
C. Emilia Galotti von Gotthold Ephraim Lessing
„Emilia Galotti“ ist ein bürgerliches Trauerspiel (in fünf Aufzügen) von Gotthold Ephraim Lessing. Es wurde im Jahre 1772 uraufgeführt und ist an die Legende der Römerin Virginia angelehnt.
„Emilia Galotti“ ist ein Drama der Aufklärung. Obwohl die Liebe das Zentralthema der Tragödie ist, gilt „Emilia Galotti“ als hochpolitisches Stück. Der willkürliche Herrschaftsstil des Adels steht der neuen aufgeklärten Moral des Bürgertums gegenüber. Alle feudalen Vorstellungen von Liebe und Ehe treffen somit auf das neue Bedürfnis der Freiheit in Liebesdingen der Bürger. Diese Kombination macht das Stück so brisant.

Inhalt:
Der Prinz von Guastalla ist seit seiner ersten Begegnung mit dem bürgerlichen Mädchen Emilia Galotti davon besessen, sie zu besitzen. Er gibt seinem Kammerherrn Marinelli freie Hand, ihre bevorstehende Hochzeit mit dem Grafen Appiani zu verhindern.
So wird Appiani auf dem Weg zu seiner Hochzeit bei einem Überfall auf Marinellis Geheiß von bezahlten Verbrechern ermordet.
Emilia wird auf das in der Nähe gelegene Lustschloss des Prinzen in scheinbare Sicherheit gebracht, erkennt jedoch im Gegensatz zu ihrer Mutter Claudia die wahren Zusammenhänge der Intrige nicht. Die wegen Emilia verschmähte Gräfin Orsina, des Prinzen ehemalige Mätresse, erzählt Emilias Vater, der schließlich auch eintrifft, von Appianis Tod und gibt diesem einen Dolch, um Appiani und sie selbst zu rächen.
Doch Odoardo hat nicht den Mut, den Prinzen zu erstechen, sondern überlässt Gott die Rache. Emilia, die in der Obhut des Prinzen bleiben muss, fleht ihren Vater an, sie zu erstechen, weil sie fürchtet, den Verführungen des Prinzen nicht standhalten zu können. Um die Tugend seiner Tochter zu retten, gibt Odoardo schließlich nach und ersticht sie.

Der Autor:
Gotthold Ephraim Lessing (* 22. Januar 1729 in Kamenz (Sachsen); † 15. Februar 1781 in Braunschweig) war der wichtigste deutsche Dichter der Aufklärung. Mit seinen Dramen und seinen theoretischen Schriften hat er die weitere Entwicklung der deutschen Literatur wesentlich beeinflusst.

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Hey Leute.
Ich wollte das hier nur mal reinstellen. Vielleicht hilft es ja jemandem. Wir hatten ne ziemlich klare Aufgabenstellung. (Hab dafür 14 Punkte bekommen.)
Gleichzeitig damit auch DANKE an die großartige und wirklich informative Homepage über das Buch!
MfG
Uta
 
 
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Miriam


RE: Lesetagebuch "Vorleser" GK13, 23 Mar. 2007 19:50


Liebe Uta,
ein ganz großes Lob, für deine Arbeit zum Vorleser. Wahrscheinlich stehst du wie ich kurz vorm Abi. Am Montag habe ich meine Deutsch LK Prüfung und ich wiederhole grade den Unterrichtsstoff zum Vorleser und bin begeistert von deiner Arbeit. Diese hat mir nämlich eine super Wiederholung gegeben und ich bin mir über vieles bewusst geworden, mit dem ich mich vorher noch nicht beschäftigt hatte. Vielen Dank also nochmal für deine Arbeit und ganz viel Erfolg beim Abitur.
Liebe Grüße Miriam
 
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Narges


RE: Lesetagebuch , 17 Jun. 2007 13:50


hi@ all
ich wollte mal fragen wie hättet ihr das buch geannt(der vrleser meine ich)und warum?
thx ihr lieben

 
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Peter Maffay


RE: Lesetagebuch "Vorleser" GK13, 08 Aug. 2007 10:09


ein buch das die welt nich braucht
 
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Peter Maffay


RE: Lesetagebuch "Vorleser" GK13, 08 Aug. 2007 10:10


und der grund is DESHALB!!
 
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Peter Maffay


RE: Lesetagebuch "Vorleser" GK13, 08 Aug. 2007 10:10


noch ne frage ute oder so hast du langeweile???
 
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Nini


RE: Lesetagebuch , 14 Nov. 2007 19:08


kann mal bitte jemand diesen maffay ausschalten...
is ja zum kotzen hier mit dem!
 
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Chiller


RE: Lesetagebuch , 12 Jan. 2008 16:25


Also muss schon sagen, respekt und hat mir auch geholfen meine Aufgaben zu komplettisieren(fals es das Wort gibt:D).
 
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Miriam


RE: Lesetagebuch "Vorleser" GK13, 18 Feb. 2008 18:17


Hallo,
deine Arbeit über den Vorleser hilft mir gerade dabei meine Deutschhausaufgaben zu machen... :-) Danke..
 
 
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